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25.09.2008
ACHIM REICHEL
Die CD "Michels Gold" im Test von Holger Stürenburg!
"Eigentlich bin ich kein Texter", gab der personifizierte Hamburger Jung ACHIM REICHEL schon Ende der 70er Jahre gegenüber dem "Musikexpress" zu Protokoll. Folglich glänzte das einstige Mitglied der hanseatischen Beatlegende "The Rattles" im Zuge seiner inzwischen über 35 Jahre währenden Solokarriere insbesondere dann in bester Form, wenn der heute 64jährige Vollblutmusiker entweder verschrobene lyrische Ergüsse von bizarr-liebenswerten Untergrund-Literaten a la Jörg Fauser oder Kiev Stingel mit durchwegs perfekten Melodien verband bzw. er sich traditionellen (überwiegend norddeutschen) Volksliedguts annahm.
Seit Mitte der 70er veröffentlichte Reichel zig LPs und CDs, auf denen er beispielsweise klassische Seemannslieder ("Dat Shanty Alb’m", 1976, "Klabautermann", 1977) kongenial verrockte, epische Gedichte von z.B. Goethe, von Liliencron, Ina Seidel oder Fontane im gitarrenbetonten Blues- und/oder Rockgewand reanimierte ("Regenballade", 1978) oder allseits bekannten Volksliedern, etwa der "Ballade von der Loreley" oder dem "Erlkönig", auf poppig/rockig/folkige Weise neues Lebens einhauchte ("Wilder Wassermann", 2002, "Volxlieder", 2006).
Der durch und durch liberale Achim Reichel bezweckt damit, altseingesessenes teutonisches Kulturgut nicht irgendwelchen unappetitlichen braunen Barden zu überlassen (womit dieses ja letztlich entwürdigt bzw. für eine grundfalsche Ideologie vereinnahmt würde), sondern vielmehr in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren und jüngeren, wie reiferen Musikfreunden nahezubringen.
Auch auf seiner aktuellen CD "Michels Gold" (Tangram/INDIGO) zelebriert der überzeugte St. Paulianer zwölf altdeutsche Weisen in seiner ihm spezifischen musikalischen Auslegung. Reichel spielt gekonnt mit Rock, Pop, Folk, Blues, Ballade, nutzt hierbei – wie zuletzt immer häufiger – ein äußerst ungewöhnliches, geradezu elektrisierendes Instrumentarium, bestehend aus z.B. Sitargitarren, einem türkischen, 12saitigen Banjo, irischen Bouzoukis, Lyra, Ukulelen, sogar einer sog. "Singende Säge" bzw. einer originalgetreuen Drehleier.
Zu den geläufigsten Volksweisen, die Achim Reichel auf "Michels Gold" neu interpretiert, zählen der nun von ihm in einer schier feurigen Mixtur aus Marschklängen und Irish Folk dargebotene Ohrwurm "Kein Schöner Land", die Eichendorff-Vertonung "In einem kühlen Grunde" – hier einerseits sehr gemächlich-locker, andererseits überaus düster-dunkel, gleichsam vorantreibend rhythmisch gehalten – oder, außerordentlich ungewöhnlich, widerspenstig, aber zutiefst faszinierend, enorm herbstlich-atmosphärisch inszeniert, "Bunt sind schon die Wälder", ein Lied, das der Verfasser dieser Zeilen bereits 1980 in der dritten Klasse Grundschule erstmals selbst gesungen hat. Ebenfalls mit dem vierten Quartal eines Jahres setzen sich Friedrich Hebbels Reime "Dies ist ein Herbsttag" auseinander, zu denen Achim, laut CD-Beiheft, im Laufe eines Waldspaziergangs die dazugehörige Melodie "zuflog" (Zitat) – Da er sie am nächsten Morgen immer noch im Kopf hatte, kreierte er daraus eine fundamentale Folkballade in prägnantester Manier.
Gleichsam aus der Feder des Oberschlesischen Romantikers Joseph von Eichendorffs stammt die "wahrlich himmlische" (Zitat: A.R.) Ballade "Meine Seele spannte weit ihre Flügel, welcher Achim für seine musikalische Umsetzung zwei Verse aus von Eichendorffs Gedicht "Im stillen Grund" hinzugefügt hat.
Im 19. Jahrhundert ersann der österreichische Dichter Joseph Christian von Zedlitz die Moritat von einem traurigen Mädchen namens "Mariechen", das weinend im Garten saß und ihr uneheliches Kind betrauerte – Achim Reichel konstruierte aus dieser allgegenwärtigen Geschichte einen zünftigen, knochentrockenen, mundharmonikagetriebenen Blues, genau gesagt "Mariechens Blues", der selbstverständlich ebenfalls auf "Michels Gold" zum Einsatz kommt.
Latent swingend, von Ferne an die knarrenden Gossenballaden eines Tom Waits gemahnend, ertönt dagegen "Der Blues vom Schweren Traum", der über einen surrealen Alptraum berichtet, um 1600 anonym überliefert und nun von Achim Reichel in der Textfassung von Joachim August Zarnack bearbeitet wurde.
Zudem erzählt der heutzutage in einem Vorort von Hamburg residierende Gitarrenheroe Talking-Blues-gemäß, auf Akkordeonbasis, die von dem gebürtig aus Breslau stammenden Schriftsteller und Historienmaler August Kopisch erdachte Saga von den "Heinzelmännchen"; sanft vor sich hin brodelnd schleicht die von dem Berliner Dichter und Kunstkritiker Ferdinand Avenarius geschriebene, mystische Ballade "Der Goldrausch" aus den Boxen.
Alles in allem ist "Michels Gold" eine überwiegend ruhige, zurückhaltende, nachdenkliche, aber zugleich konsequent authentische und mehr als nur ehrliche Produktion geworden. Dröhnende Rockgitarren bleiben in der Minderheit, ebenso – zum Glück – radiotauglicher Mainstream oder songschreiberische Banalitäten.
Vorliegende, knapp 45minütige Silberscheibe ist beileibe nichts zum Nebenbeihören. Die grazilen Arrangements, verbunden mit den altdeutschen Texten, in phänomenaler stimmlicher Umsetzung durch Achim Reichel, verleiten dazu, sich einfach mal eine Dreiviertelstunde Auszeit zu gönnen, um sich in die so vielfältigen Welten teutonischer Dichtkunst des 17., 18., 19. Jahrhunderts zu begeben.
"Michels Gold" stellt nicht mehr und nicht weniger dar, als eine hochgradig spannende Zeitreise, die sich für den geneigten Zuhörer, mit Sinn für abstraktere, avantgardistischere, aber stets rock- und blueslastige Klänge, zweifellos lohnt!
Schlußendlich noch zwei Anmerkungen: Das Album "Michels Gold" ist, zusätzlich zu der hier analysierten, "konventionellen" Ausgabe, als "Extended Version" mit ein paar Alternativ-Versionen und Live-Fassungen altbekannter Reichel-Bearbeitungen von der "Regenballade" über "Trutz Blanke Hans" bis hin zum "Erlkönig" oder dem "Wilden Wassermann" erhältlich.
Weiters befindet sich Achim Reichel dieser Tage auf Tournee durch (zumeist) norddeutsche Gefilde. Am 6. Oktober gastiert er in der Hamburger "FABRIK", weshalb kurz darauf bestimmt sehr positiver Konzertbericht aus meiner Feder an dieser Stelle zu lesen sein wird!
Gesamtnote: 1
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