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13.10.2008

ACHIM REICHEL
Konzert-Bericht: Achim Reichel - 06.10.2008 – Hamburg – "Fabrik":

"Achim rief – und die Hamburger strömten zuhauf...":

Achim rief – und die Hamburger strömten zuhauf. An zwei restlos ausverkauften Konzertabenden hintereinander, bot der Paradehanseat, selbsternannte "norddeutsche Querkopf" ("Die Welt", 06.10.08), Ex-Beat-Idol und St. Paulianer Lausebengel in einem, ACHIM REICHEL, ein schier hinreißendes, über dreistündiges Programm in der Altonaer "FABRIK" auf, das überwiegend aus seinen kongenialen Bearbeitungen (teils) mittelalterlicher Weisen und Volksliedern bestand, aber selbstverständlich auch seine ohrwurmträchtigen Partyhits aus den 80ern und 90ern des 20. Jahrhunderts nicht ausließ.

Von jeher war es Achims ureigenes Anliegen, traditionelle, eigentlich uns allen bekannte Volksweisen aus einem miefigen, reaktionären Dunstkreis ins liberale, gutbürgerliche Heute zu überführen, wofür auch und gerade seine letzten drei Studioalben "Wilder Wassermann" (2002), "Volxlieder" (2006) und – brandaktuell – "Michels Gold" in bester Form stehen.

Dem einstigen Frontmann der legendären Beatcombo "Rattles", gelingt es seither ein ums andere Mal, klassische, allseits geläufige "Volxlieder" (aber gleichsam auch "Geheimtips" aus längst vergangenen, alten Tagen) mittels stets ansprechender, mal fetzigerer, mal betulich-düsterer Arrangements, zu prickelnden, faszinierenden Rock/Folk/Blues-Weisen auszugestalten – womit der 64jährige Multiinstrumentalist viel, viel mehr für die weltoffene Bewahrung deutschen Volksguts zu tun vermag, als soundsoviele schwarz/grüne Kultur- und Bildungspolitiker in der Freien und Hansestadt Hamburg zusammen.

Mein bester Freund, Dr. Jan Lindenau, und ich, waren am 06. Oktober 2008 in der "FABRIK" zugegen, als Achim Reichel seine ganz persönlichen Sichtweisen altgermanischer Kultur rockig, bluesig, folkig, zum Besten gab. Wir beiden sind in etwa ein Jahrgang und durften in der siebten, achten Klasse z.B. den legendären "Herrn von Ribbeck" im Deutschunterricht auswendig lernen.


 



Wir waren aber plietscher (Sorry, norddeutscher Slang g*), als viele unserer Mitschüler. Wir nahmen uns nicht jenes Gedicht von Theodor Fontante in gedruckter Form vor, sondern statt dessen einen entsprechenden, knackigen Boogierocker von Achim Reichel – und so, wie wir damals Achims 80er-Klassiker "Der Spieler" oder "Boxer Kutte" textgenau auf den Lippen hatten, so fiel es uns gleichsam wahrlich nicht schwer, die Mär des birnenbeflissenen "Herrn von Ribbeck" aus dem Havelland anstandslos zu zitieren.

Und am Montag, dem 06.10.08, standen wir nun in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Hamburger "FABRIK" beim diesjährigen heimatlichen Auftritt von ACHIM REICHEL – und ließen dabei unsere Kinder- und Jugendtage liebevoll Revue passieren. Das scheinbar ewigjunge Multitalent mit festem Wohnsitz Großensee hatte eine fünfköpfige, grandios aufeinander eingespielte Begleitband mit von der Partie, die – im Gegensatz zu früheren Auftritten – diesmal jedoch weitaus rockiger, gitarrenlastiger agierte, und Achims in den letzten Jahren intensiv ausgelebte Vorliebe für irische und schottische Folklore nur in Nuancen streifte. Selbstverständlich kamen auch 2008 liebenswert obskure Instrumente a la Ukulele, Querflöte, Tuba, Sirtaki, Drehleier (Jans spezielles Lieblingsinstrument!!!!) zum Einsatz – dennoch galt der klassischen Rock-E-Gitarre nahezu bei jedem der aufgeführten Titel der Vorzug.

Blues und Rock standen bei der "Gold Tour" von Achim Reichel eindeutig im Vordergrund. Im besten Sinne des Wortes, inszenierte er teutonisches Kulturgut der Sorte "Kein schöner Land", "Sah ein Knab ein Röslein stehen", "Im schönsten Wiesengrunde", "Mädchen von Tharau", "Der Mond ist aufgegangen" oder den sagenumwobenen "Erlkönig", einen von niemand geringerem, als Johann-Wolfgang von Goethe, ersonnenen ‚Talking Blues’ des 18./19. Jahrhunderts, in elektrisierend aktueller, durchwegs druckvoller Gitarrenrock-Attitüde, während beispielsweise die krossen Joseph-von-Eichendorff-Reime "In einem kühlen Grunde" als deftiges Südstaaten-Rockgebräu und die urliberale Überlieferung "Die Gedanken sind frei" in Form eines südländisch/überdrehten Fetenopus vorgetragen wurden.

Achim erzählte rockig die 13 (!) Strophen lange, epische "Regenballade", verfaßt von der Hallenser Dichterin und Romanautorin Ina Seidel, und berichtete – als sei es erst gestern gewesen – von der Tragödie "Trutz Blanke Hans" (Text: Detlev von Liliencron).

Fraglos kamen auch seine eigenen Evergreens nicht zu kurz: Wir vernahmen den einst vom viel zu früh verstorbenen Lyrik-Chaoten (dies ist nun SEHR positiv gemeint. Der Verf.) Jörg Fauser betexteten Hit "Der Spieler", eine instrumentell perfekt ausschweifende, ausufernde Version des 1989er-Radiodauerbrenners "Fliegende Pferde", Achims Ringelnatz-Adaption "Kuddel Daddel Du" (1991 - 17 Jahre später von den "FABRIK"-Besuchern nahezu alleine vorgetragen, ohne, daß der Star des Abends großartig gesanglich aktiv werden mußte!), natürlich den unverbrüchlichen Gassenhauer "Aloha Heja He" und die augenzwinkernde Ode auf eine wunderschöne Kassiererin, "Steaks und Bier und Zigaretten" (1986). Schlußendlich huldigte Achim seiner künstlerischen Jugend bei den unvergeßlichen "Rattles" und intonierte – obgleich er dies jahrelang eigentlich gar nicht mehr für Comme il Fault hielt – endlich mal wieder den radikalen Mitsing-Hymnus "Come on and Sing", sowie als allerletzte Zugabe, sein 2003 entstandenes, eigenes Geburtstagsgeschenk an sich selbst, "Leben, Leben" – eine eigenständig komponierte und betexte Aufforderung an alle Menschen, sich Lebensfreude und Lebenslust niemals stehlen zu lassen.

Achims immergrüne Partyklassiker wollen seine Fans verständlicherweise immer wieder hören und – wie in der "FABRIK" geschehen – lauthals mitsingen. Doch so richtig lebt der liberale Traditionalist (oder traditionsbewußte Liberale) erst dann auf, wenn er sich in die weiten Welten der uralten Volksweisen begeben kann. Der interessierte Beobachter vermag dabei festzustellen, daß Achim Reichel bei der durchgehend grazilen und fragilen Interpretation jenen unzerstörbaren deutschen Kulturguts in einer eigenen Welt verharrt – und dies in graziösester und ehrlichster Manier.

So, wie der Berliner Kollege Klaus Hoffmann, wenn dieser seine Bearbeitungen von Großmeister Jacques Brel darbietet, letztlich in diesen Minuten selbst Brel "ist", so verbringt Achim Reichel bei der Aufführung seiner phantastischen Auslegungen altdeutscher Reime mittendrin in jener alten Zeit – und vermag dies, seinem stets hingerissenen Publikum originär und authentisch zu vermitteln – als seien die betagten Weisen gerade erst gestern entstanden!

 

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