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19.09.2007

ACHIM REICHEL
Konzertbericht: Hamburg – Stadtpark – Open Air – 16.09.2007!

smago! bedankt sich einmal mehr bei dem Hamburger Musikkritiker Holger Stürenburg...:

Seit vielen, vielen Jahren pflegt die urhanseatische Deutschrock-Legende Achim Reichel ein ganz spezielles, stets äußerst schmackhaft ausgestaltetes Hobby: Der einstige Begründer und Frontmann der "Starclub"-Heroen "Rattles" veröffentlicht immer wieder Alben, auf denen er jahrhundertealtes Volksliedgut gekonnt aufpoliert und auf diese Weise, wie der Multiinstrumentalist regelmäßig zu Protokoll gibt, anstrebt, dieses aus einer verstaubten, ewiggestrigen, womöglich gar nationalistisch verbrämten Ecke in die gesellschaftliche Mitte, in die Gegenwart, vielleicht auch in die Hitparaden zu führen.

Hatte Reichel in den 70er Jahren auf fraglos perfekten Produktionen, wie z. B. "Klabautermann" (1977) oder "Regenballade" (1978), norddeutsche Mythen und traditionelle Shantys und Seemannslieder im Blues- oder Boogiegewand neu aufleben lassen, so verbindet er nach dem Millennium ein ums andere Mal allseits geläufige Volkslieder, die uns zu Kinderzeiten unsere Eltern vor dem Schlafengehen gerne vorsangen, mit wildem, ausgelassenem irisch/schottisch untermauertem Folkambiente, wobei nicht selten absolut ungewöhnliche und konsequent pop-untypische Instrumente, wie Ukulele, Sitar, Saz, Tuba oder sogar eine echte Drehleier (Reichel: "Damit spielten die Punkbands des Mittelalters"), zum Einsatz kommen.

Vor einem Jahr präsentierte der überzeugte St. Paulianer die CD "Volxlieder", auf der er genau eben jener Passion nachging, und teutonisches Kulturgut zeitnah, heißblütig und überaus ansprechend reanimierte – wofür der immerjunge 63jährige mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik 4/2006 ausgezeichnet wurde und die entsprechende Silberscheibe im Januar 2007 von Bayernradio 2 zur "CD des Jahres 2006" ausgerufen wurde.

Auf der Basis dieses Repertoires, absolvierte Achim Reichel mit seiner fünfköpfigen Begleitband im Sommer 2007 ein paar ausgewählte Festivalauftritte und durfte am vergangenen Sonntag, 16. September 2007, ein vom ersten Moment an lautstark umjubeltes Heimspiel in der gemütlichen Open-Air-Arena im Hamburger Stadtpark, vor fast bis auf den letzten Platz ausverkauftem Auditorium, zelebrieren.


 



Knapp 3000 Langzeit-Fans, mehrheitlich gesetzteren Alters, gerieten aus dem sprichwörtlichen Häuschen, als ihr Idol gutgelaunt und sommerlich-fröhlich gestimmt, um punkt 19.15 Uhr, die Bühne betrat und mittels einer ekstatischen Mixtur aus Polka, Punk und Pogo die 1582 (!) erstmals notierte Moritat vom "Rosenmund" anstimmte.

Rund zweieinhalb Stunden lang, geleitete uns ein enorm redseliger und zugleich sympathisch selbstironischer Achim Reichel durch mehrere Jahrhunderte einheimischer Populärmusik. Eigene Pop/Rock-Kompositionen der letzten 25 Jahre – etwa der melancholisch-hoffnungsvolle Mid-Tempo-Ohrwurm "Wahre Liebe" (1993), drastisch akustisch dargeboten, das von Achim 1996 zum 25jährigen Bestehensjubiläum von "Greenpeace" verfaßte Öko-Drama "Exxon Valdez", in Form einer Art "Folk-Reggae" ausgekleidet, oder der 1989er-Radiodauerbrenner "Fliegende Pferde", liebevoll ausufernd improvisiert – wechselten sich ab mit Achims persönlichen folkloristischen Leidenschaften a la "Der Mond ist aufgegangen", "Im schönsten Wiesengrunde", "Die Gedanken sind frei", "Sah ein Knab ein Röslein stehen" oder "Der Lindenbaum (Am Brunnen vor dem Tore)".

Ernsthaft, respektvoll, niemals auch nur in Nuancen parodistisch-veräppelnd, hauchte der 1944 in Wentorf bei Hamburg geborene Allround-Künstler diesen unverbrüchlichen Klassikern neues Leben ein – musikalisch irgendwo zwischen Dylaneskem Talking Blues, irisch/schottischem Folkrock, einer deftigen Prise Blues und latenten Gothic-Anklängen angesiedelt, vorgetragen in bester stimmlicher Manier, seitens eines Mannes, der niemals so recht zu "altern", höchstens zu "reifen" scheint – und dabei immer noch und weiterhin ein liebenswerter Lausebengel bleibt.

Achims 1981er-Evergreen "Der Spieler", im Februar 1983 in der "ZDF-Hitparade" trotz (oder gerade wegen) seines Außenseiterstatus unverhofftermaßen unter die ersten Drei gewählt, versprüht noch 2007 das selbe prickelnde, knisternde Flair, wie zum Zeitpunkt seines Entstehens: "Es ist mitten im Winter / im tiefsten Schnee"... trotz angenehmer (spät)sommerlicher Temperaturen am Sonntagabend im lauschigen Stadtpark-Rund, eine bizarr-mitfühlende Reise direkt in die seelischen Abgründe der Spielsucht eines unglücklichen Mannes in irgendeinem billigen, schneeverhangenen Casino an der See – sicherlich einer der atmosphärischsten Titel, die Achim Reichel jemals aufgenommen hat.

Bevor die unumgängliche Schatulle "Greatest Hits" geöffnet wurde, erarbeitete sich die Konzertdarbietung von Achim Reichel einen wahrhaftigen pädagogischen Wert: Wer von uns einstigen Schüler im norddeutschen Raum mußte seinerzeit nicht die Gedichte "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" (Theodor Fontane) oder "Nis Randers" (Otto Ernst) auswendig lernen – und gestelzt, ohne jegliche Emotionen, im Deutschunterricht herunterrasseln, nur, um vom Lehrer eine gute Note zu erhalten?

Auch heutzutage werden sich Sechst- oder Siebtklässler weiterhin mit dem auf den ersten Blick öden Einpauken "uralter" Reime herumplagen müssen – wäre es daher nicht weitaus "cooler", wenn ein plietscher Pädagoge seine Eleven auffordern würde, den Text eines originären Deutschrockers einzustudieren? Die Hamburger Kulturbehörde müßte Achim Reichel eigentlich mehr als nur dankbar sein, daß dieser schon vor zig Jahren elementare Unterrichtsinhalte im Fache Deutsch Dank Rock, Folk und Blues für die nachwachsenden Generationen erst so richtig interessant und erlernenswert inszeniert hat.

Der Dichter und Seemann Joachim Ringelnatz hatte in den 20er Jahren die windige, draufgängerische Figur "Kuddel Daddel Du" erfunden und dieser ein halbes Dutzend seiner Werke gewidmet. Achim Reichel schnappte sich 1991 diesen Charakter und ersonn daraus einen unzerstörbaren Evergreen, den er damals auf seiner Top-LP "Melancholie & Sturmflut" erstmals veröffentlichte – und der seitdem den Ruf als Partyknaller per Excellanze genießt: "Was kann die Welt dafür / daß ich sie liebe", lautet der Refrain von Achims augenzwinkernder Ringelnatz-Hommage, der am Abend des 16.09.2007 aus Tausenden Kehlen erklang, dicht gefolgt von seinem - in kommerzieller Hinsicht - bislang erfolgreichsten Titel "Aloha Heja He", ebenfalls genanntem 1991er-Album entstammend, den das schier hingerissene Publikum beinahe in Gänze alleine intonierte, so daß der Star des Abends letztlich nur als Dirigent fungieren mußte.

Der nun folgende Zugabenblock hatte es in sich: Der Verfasser dieser Zeilen hat seit dem 27. Januar 1984 keine Achim-Reichel-Tournee mehr verpaßt. Doch noch nie zuvor vernahm er das 1977 auf dem Album "Klabautermann" erstmals berücksichtigte Instrumental "Piratentanz" in einer Liveshow des großen Hanseaten Achim Reichel. Die konzertäre Aufführung der in den späten 70er und frühen 80ern vom NDR gerne als "Pausenmusik" eingesetzten, rasanten Folknummer sorgte nicht nur im Gesicht des Rezensenten für ein strahlendes Lächeln.

Eine bildhübsche Kassiererin in einem Supermarkt... ein Kunde, der ausschließlich wegen dieser täglich jene Filiale aufsucht... und dort oft Dinge einkauft, die er im Grunde genommen gar nicht benötigt, nur um in der Nähe seiner Traumfrau sein zu können... ein dem Rezensenten alles andere als fremder Plot... "Frau Langner" hieß 2006/07 eine solche Schönheit im Leben des Verfassers – ‚Barbara’ nannte Underground-Texter Kiev Stingl eine derartige, hocherotische Kassierende in Achims 1986er-Gassenhauer "Steaks & Bier & Zigaretten", der, wiederum mit lauter, gesanglicher Subvention durch das hingerissene Publikum im Hamburger Stadtpark, vollends auf seine Kosten kam.

Der 1989er-Radiohit "Kreuzworträtsel" – lyrisch sicherlich nicht unbedingt eine literaturnobelpreisverdächtige Glanzleistung Achim Reichels, der sich ohnehin vielmehr als Gitarrist, Arrangeur und Sänger versteht, denn als "Finder" trefflicher Textworte - leitete eine real existierende Sensation ein: Noch nie zuvor, hatte Achim Reichel in einem Solokonzert ein Lied seiner allerersten Band, der sagenumwobenen "Rattles", angestimmt – diesmal war es soweit: "Come on and sing" hieß es ganz zum Schluß von Achims gefeiertem Stelldichein in seiner geliebten Heimatstadt. Und dies ließen sich die Hamburger Zuhörer nicht zweimal sagen: Aus vollster Kehle ertönte minutenlang der Refrain dieses grandiosen Mitsing-Oldies und wollte auch nicht verstummen, als sich die lebende Legende und seine Begleiter am Bühnenrand dankbar und glücklich gleichermaßen von ihren Fans, die teils aus Berlin, gar aus Manchester angereist waren, endgültig verabschiedeten.

"Come on and sing" lautete das Motto dieses Konzertabends – und "Come on an sing" wird sicherlich noch viele, viele Jahre lang das Lebenselixier des großartigen Vollblutmusikers Achim Reichel bleiben!

 

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