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06.10.2008
KLAUS LAGE
Die CD "Nah und wichtig" im Test von Holger Stürenburg!
In den mittleren 80er Jahren zählte der Soltauer Sänger, Songschreiber und Gitarrist KLAUS LAGE zur Speerspitze des seinerzeit mächtig boomenden Genres Deutschrock. Mit unvergeßlichen Ohrwürmern der Sorte "Tausend und eine Nacht", "Wieder zu Haus", "Faust auf Faust" oder "Steig nicht aus", schuf er reale Klassiker teutonischer Rockkultur, die noch heutzutage zu DEN Dauerbrennern im Radio und auf Partys gelten. Nach 1994 (erinnere: die ewig unterschätzte CD "Katz & Maus"!) begann der Stern des gelernten Sozialarbeiters und Erziehers bedauerlicherweise arg zu sinken. Es entstanden in der Folgezeit Alben unterschiedlichster Qualität, für die sich eigentlich kein Mensch interessierte. Doch nun ist Klaus ENDLICH in alter, gewohnter Frische wieder da!!!
Vor wenigen Wochen kompilierte der Künstler selbst die Favoriten seiner eigenen musikalischen Arbeit für die proppevolle Doppel-CD "Beste Lage" – nun legt der "deutsche Joe Cocker" (Musikexpress) mit "Nah und wichtig" (EMI) ein brandneues Album vor, das den – im wahrsten Sinne des Wortes – "Besten Lage" seit 1994 zeigt und mit 13 schier brillanten Titeln aufwartet – authentisch, ehrlich, erdig, roh, bluesig, rockig... keinesfalls fürs Formatradio geeignet – und so herrlich altmodisch, ohne jegliche Computerspielereien, statt dessen mit echten Instrumenten inszeniert... der Rezensent gerät gerade ins Schwärmen : )
Jeder Titel auf "Nah und wichtig" steht für sich. Ob deftig, vorantreibend, temporeich, offensiv oder eher balladesk, introvertiert und still gehalten: Auf vorliegender CD befindet sich kein einziger Durchhänger; folglich möchte ich an dieser Stelle eine Vielzahl der aktuellen Rock/Blues-Perlen von Klaus Lage einwenig ausführlicher vorstellen:
Der Eröffner "Immer" stellt nicht mehr und nicht weniger dar, als einen durch kreischende Slide-Gitarren verfeinerten Up-Tempo-Bluesrocker phänomenalster Machart, sacht abgeklärt, aber stets ungekünstelt und betörend ehrlich, während der rasend rasante Südstaaten-Blues "Der Lack ist ab", Titel Numero Zwo auf "Nah und wichtig", sich textlich recht philosophisch gibt und inhaltlich, wie stilistisch, unverkennbar an den grandiosen Womack-&-Womack-Evergreen "It’s all over now" erinnert.
Unglaublich atmosphärisch und elektrisierend, dringt die folkpoppige Ballade "Klippen von Moher" aus den Boxen. Klaus hat den mitreißenden, faszinierenden, mehr als nur filigranen Text selbst verfaßt; und ich bin mir sicher, er hat ihn auch ad Personam erlebt. Es geht darin um eine Traumfrau, die das Lied-Ich vor zig Jahren in einem schummrigen irischen Pub getroffen hat und in die dieses sich sogleich verliebte. Die beiden verbrachten eine so heiße, wie romantische Nacht an eben jenen höchsten Steilklippen Europas, sie saßen dort stundenlang, sangen, träumten, schwärmten gemeinsam – dieser wunderschöne Titel ist lyrisch fraglos einer der überzeugendsten, den Klaus Lage jemals ersonnen hat.
Ein frecher, aufmunternder Boogie Woogie, basierend auf fetzigen Gitarren und einem leckeren, keß vor sich hin klimpernden Piano, ist Titel Numero Vier: "So geküßt" bedeutet erneut eine Ode an eine liebe Dame, die dem Protagonisten einfach so ins Leben springt und ihn von heute auf morgen aus seiner Einsamkeit reißt – denn (Textzitat) "So geküßt wurd' ich noch nie... Das ist die ideale Therapie...".
Reichlich abgeklärt erklingt die aussichtslos wirkende Ballade "Ich hör’ dem Regen zu", die über einen Mann berichtet, der zig Fehler begangen hat, ohne dies jemals gewollt zu haben. Ein zutiefst menschlicher, ungeschminkter Rock/Pop/Blues/Folk-Schleicher, der eine Situation beschreibt, die sicherlich jeder von uns in seinem Leben schon mal erleben mußte.
Möchtegern-Turbokapitalisten und seelenlose Besserwisser führt der trockene, gitarrenbestimmte, mit knackigen Bläsern verzierte Bluesrocker "Nach oben" parodistisch ad absurdum, während der gemächliche Titelsong "Nah und wichtig" von Dr. Manfred Maurenbrecher geschrieben wurde – was der Eingeweihte auch umgehend erkennt: Ein prickelndes, hochemotionales Opus, stilistisch nicht weit entfernt von Tom Waits oder Randy Newman, mit sympathischen Country-Elementen angereichert, das jederzeit dazu geeignet ist, die Bezeichnung als "Perfekter Popsong" für sich in Anspruch zu nehmen.
Locker, sommerlich vor sich hin swingend, wurde dagegen die liebenswerte Liebeserklärung "Nur Du" von Klaus und seiner vierköpfigen Begleitband eingespielt; mit weiblichen Chorstimmen und feisten Gitarren- und Keyboardwällen untermalt, arrangierte das 58jährige Deutschrock-Urgeistein die widerspenstige 1979er-Komposition "Reichtum der Welt" des ostdeutschen Liedermachers Holger Biege neu und macht somit daraus einen krachenden, treibenden Rockhammer erster Güteklasse.
Das leicht surrealistische Mid-Tempo-Chanson "Anker auf" stammt von Erich Virch. Das hessische Allroundtalent hatte dieses auf irgendeine, kaum zu beschreibende Weise an düster-verschrobene Shantys/Seemannslieder gemahnende Werk bereits 1991 auf seinem ersten und einzigen Soloalbum "Halt mich fest" veröffentlicht – Klaus Lage macht auf "Nah und wichtig" daraus eine krosse, harsche Rockballade, die das genialische Original zwar nicht übertrifft, ihm aber überaus spannende, unerwartete Facetten hinzufügt.
Die jazzige, pianobetonte, überwiegend traurige, aber gleichsam offensive Popnummer "Ab jetzt nicht mehr", der Südstaaten-orientierte, brodelnde Blues "Immer und ewig" und – als Bonustrack – der klassische Klaus-Lage-Rocker "Nur so als ob", mittels eines knarzigen Saxophons besonders originär ertönend, beschließen ein enorm vielfältiges, vielseitiges, gleichermaßen auf das Nötigste konzentriertes Album, das den vortragenden Künstler ENDLICH mal wieder pur, in Reinkultur präsentiert. Keine Schnörkel, keine Kompromisse an den radiokompatiblen klanglichen Zeitgeist – eine Produktion, die trotz aller gewollter, so zickiger, wie ansprechender Widersprüche, wie aus einem Guß daher kommt. "Nah und wichtig" legt einen Klaus wahrhaftig in "Bester Lage" an den Tag – der sympathische Brummbär begibt sich – auch, wenn diese Formulierung noch so abgedroschen wirken mag – "zurück zu den Wurzeln" und setzt mit dieser phantastischen Liedersammlung im Grunde genommen dort an, wo er 1982/83 mit "Positiv" und "Stadtstreicher" aufgehört hatte, so, als hätte es den hitparadentauglichen Pop-Lage der ausgehenden 80er und frühen 90er niemals gegeben!
Gesamtnote: Bestwertung!
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