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06.09.2008
KLAUS LAGE
Die Doppel-CD "Beste Lage – Das Beste von Klaus Lage" im Test von Holger Stürenburg!
Nachdem die Neue Deutsche Welle (NDW) Anfang der 80er Jahre die Ohren breiterer Konsumentenschichten für freche, offensive einheimische Popmusik im muttersprachlichen Kontext, jenseits des klassischen Schlagers geöffnet hatte, etablierte sich 1983/84 das Genre "Deutschrock" zeitweilig als jederzeit hitparadenkompatible und kommerziell überaus rentable Stilistik.
Zu den erfolgreichsten und zugleich langlebigsten Vertretern dieser Musikrichtung zählte (und zählt bis heute) der gelernte Erzieher und Sozialarbeiter KLAUS LAGE.
Der gebürtige Soltauer schuf, oft in Zusammenarbeit mit Szenegrößen, wie Wolf Maahn, Erich Virch, Danny Deutschmark (a/ka Danny Dziuk) oder dem heutigen Europapolitischen Sprecher der Linkspartei, Dr. Dieter Dehm MdB, eine Vielzahl mehr als nur anspruchsvoller, wie ansprechender Kreationen zwischen Rock und Pop, Blues und Ballade, von denen nicht wenige längst zum unverbrüchlichen Allgemeingut des teutonischen Musiklebens erwachsen sind.
Vor kurzem entschied sich Klaus’ aktuelle Plattenfirma, die Kölner EMI, eine Best Of-Doppel-CD mit dessen besten, interessantesten Werken zu veröffentlichen. Der Künstler selbst bekam den Zuschlag, diese profunde Kollektion zusammenzustellen. So suchte der "deutsche Joe Cocker" (Musikexpress, 1983) 38 Titel aus seiner knapp 30jährigen Karriere aus, die nun auf dem rund zweieinhalbstündigen Tonträger "Beste Lage" (EMI) veröffentlicht wurden.
Wenn wir 80er-Kinder auf den Namen Klaus Lage angesprochen werden, assoziieren die meisten von uns mit dem sympathischen, bärtigen Brummbären zuallererst seinen unvergeßlichen 1984er-Reißer "Tausend und eine Nacht", seinerzeit mehrfach in der "ZDF-Hitparade" zum Zuge gekommen, und im Spätsommer 1984 bis auf Rang 5 der offiziellen "Media Control"-Charts gestiegen:
Die liebenswerte, ehrliche Geschichte einer jahrelangen Freundschaft zwischen "ihm" und "ihr", die bis in die früheste Kindheit beider zurückreicht, bis es eines Tages, beide sind längst erwachsen, "Zoom!" macht, und sich die Protagonisten plötzlich und völlig unerwartet ineinander verlieben, gilt als einer DER spezifischen deutschen Rocksongs der 80er Jahre und wird noch 2008 Wochenende für Wochenende im Rahmen nahezu jeder Discoparty all over the Bundesrepublik, die etwas auf sich hält, aufgelegt, und sorgt dort regelmäßig für übervolle Tanzflächen.
Dieser Evergreen entstammte der LP "Schweißperlen", Klaus’ erfolgreichstem Album, das damals, ergo im Herbst 1984, anstandslos Rang 3 der "Media Control" erklomm und im Grunde genommen ein Meisterwerk nationaler Rockmusik darstellt, auf dem sich kein einziger "Durchhänger" befindet, sondern vielmehr jeder einzelne Beitrag darauf regelrechten Hitcharakter ausstrahlte. Klar, daß der Interpret ein paar der schönsten Lieder daraus für "Beste Lage" verkoppelte. So den balladesk-prickelnden Titelsong, sowie die weiteren Singleauskoppelungen, die gesellschaftskritische Rocknummer "Monopoli" und den ironisch/romantischen Ohrwurm "Wieder zu Haus", eine augenzwinkernd-melancholische Hommage an die kleine, niedersächsische Stadt Soltau, in der Klaus Lage am 16. Juni 1950 auf die Welt kam.
1985 setzte sich der Erfolg des phantastischen Livemusikers nahtlos fort. Er veröffentlichte im März jenen Jahres die betörend unkommerzielle, geradezu hardrockige Single "Eifersucht ist Marterpfahl", begab sich zeitgleich auf umfangreiche Deutschland-Tournee, mit Genrekollegin Anne Haigis im Vorprogramm (23.03.85... Hamburg... Musikhalle... das waren noch Zeiten... erinnert sich der Verfasser dieser Zeilen!), und landete Ende 1985 einen weiteren Top-10-Hit mit der lauten, temporeichen Rockkomposition "Faust auf Faust", welche Klaus Lage zum Soundtrack des ersten "Schimanski"-Kinostreifens "Zahn um Zahn", mit "Tatort"-Legende Götz George in der Hauptrolle, beisteuerte.
Aus dem dazugehörigen Album "Heiße Spuren" (Höchstnotierung: Rang 8) wurde die grazile, liebevolle Ballade "Stille Wasser", im Frühjahr 1986 als zweite Single daraus ausgekoppelt, und nun von ihrem Interpreten für "Beste Lage" ausgewählt, wie gleichsam der so zickige, wie aussichtslos wirkende, nächtliche Großstadt-Jazz "Taxi".
Aus dem 1986er-Livealbum fanden Klaus’ genialische deutsche Fassung von Janis Joplins legendärem Blueshammer "Mercedes Benz", sowie der spezielle Lage-Favorit der Mutter des Rezensenten, "Transit", Platz auf "Beste Lage". "Transit" erzählt zynisch, die sozialistische Spießigkeit kongenial veräppelnd, über eine Reise des Lied-Ichs per Autobahn aus dem ‚Goldenen Westen’ durch die "DDR" zur Liebsten nach West-Berlin. Ein hervorragendes Zeitzeugnis über den Irrsinn des Kalten Krieges!
Zur Jahreswende 1986/87 sang sich der Sheffielder Bluesbarde Joe Cocker mit dem poppig-großorchestralen Schleicher "Now that you’re gone" auf die besten Plätze der europäischen Hitparaden. Was die wenigsten wußten, war die Tatsache, daß niemand geringeres, als Klaus Lage ad Personam, für diese Pop/Rock-Perle kompositorisch verantwortlich zeichnete. Der Erschaffer dieses wunderbaren Titels legte im März 1987 seine eigene, deutschsprachige, und nach einem eher stillen Intro, munter drauflos rockende Auslegung seines ‚musikalischen Kindes’ unter dem Titel "Nie wieder Kind" vor – ein spezieller Favorit des Rezensenten -, die sich inhaltlich mit Loilta-haftem Gehabe einer reiferen Frau auseinandersetzt, die auf diese Masche setzt, versucht, Männer damit zu umgarnen, zu verführen und für ihre Interessen zu vereinnahmen, aber letztlich anerkennen muß, eben "Nie wieder Kind" zu sein, weshalb dieses Verhalten in keinster Weise zum Erfolg führen kann.
Im Herbst desselben Jahres erschien das Album "Amtlich!" – qualitativ erneut ein Meisterwerk, angesiedelt zwischen härterem Rock und radiotauglichen Mid-Tempo-Balladen. Der von Dr. Dehm betextete, dralle Rockhymnus "Deins und Meins" und die so traum-, wie schlagerhafte Popmelodie "Steig nicht aus" suchte Klaus für "Beste Lage" aus und legt mit ebendieser Wahl ein perfektes Zeugnis über die phänomenale stilistische Bandbreite seiner 1987er-Produktion ab.
Ende 1988 überraschte Klaus Lage mit einer peppig aufgefrischten Sichtweise des "Casablanca"-Klassikers "As Time goes by", die Kollege Virch zu "Die Liebe bleibt" umgearbeitet hatte; ein paar Monate später folgte die nicht unumstrittene LP "Rauhe Bilder", die mit laschen, klischeehaften Möchtegern-Rockern, wie z.B. "Dein Gang", ebenso aufwartete, wie mit sowohl musikalisch, als auch textlich wahrhaftig faszinierenden Popkleinoden der Sorte "Zurück zu Dir" – einer authentischen, gefühlvollen Reminiszenz an eine längst vergangene Urlaubsliebe aus der Feder Erich Virchs. Daß Klaus bei der Verkoppelung von "Beste Lage" mein spezielles Lieblingslied aus "Rauhe Bilder", "Sooo lacht nur sie (Die Malerin)", nicht bedacht hat, ist zwar ob der grandiosen Qualität und Eingängigkeit dieses kecken Ohrwurms äußerst schade, mildert aber in keiner Form die hohe musikgeschichtliche Relevanz von vorliegender Doppel-CD.
Ja, je mehr die 80er voranschritten und je eindeutiger die "uncoolen" 90er Jahre hervorbrachen, desto mehr verlor der klassische Deutschrock – zumindest in der Hitparadenöffentlichkeit – an Bedeutung, worunter leider auch die kommerzielle Reputation Klaus Lages zweifellos litt. Trotzdem zog das einstige Mitglied des "Berliner Rock Ensembles" sein Ding durch. So veröffentlichte er, ab 1992 bei EastWest (heute: Warner Music Group), unter Vertrag, 1994 die schier umwerfende, diesmal stark bläserbetonte CD "Katz & Maus", die zwar an den offiziellen Charts schnurstracks vorbeischoß, aber inhaltlich/qualitativ zum Besten gehört, was Klaus Lage jemals aufgenommen hat. Der soulige, fette Rockohrwurm "Bankgeheimnis", das hochemotionale deutsch-italienische Liebesduett mit der aus Florenz stammenden Sängerin und Schauspielerin Irene Grandi "Weil Du anders bist (Cosi Diversi noi)", sowie der im Tempo gedrosselte, leicht angejazzte Saxophon-Blues/Reggae/Rock-Verschnitt "C’est la Vie" erhielten von Klaus einen guten Platz auf "Beste Lage" eingeräumt.
Die Ära von 1984 bis 1994 waren zweifellos die große Zeit des Klaus Lage. Dennoch gab es bereits ein Leben vor "Tausend und eine Nacht". Diesem huldigt das seit einiger Zeit wiederum in Norddeutschland residierende Multitalent mit eher blueslastigen, rauheren Milieustudien a la "Fang neu an" (1983), "Komm, halt mich fest", "Mit meinen Augen" (beide 1982) oder der herrlich zynischen Ehrerbietung an den 1994 verstorbenen, US-amerikanischen "Gossenliteraten" Charles Bukowski.
Eher ungewöhnliche, Lage-untypische Schmankerl – etwa Klaus’ folkloristisch-bluesig-akustische, arrangementbezogen latent an Tom Waits erinnernde Neuaufnahme des Hildegard-Knef-Chansons "Der alte Wolf" oder die selbstbetextete deutsche Version des Randy-Newman-Couplets "You’ve got a Friend" (hier: "Du hast’n Freund in mir"), sowie zwei bislang unveröffentlichte, brandneue Studiotracks "Lila Kuh" – ein bitterböser Sprechgesang voller bissiger Anspielungen auf die Oberflächlichkeit der heutigen Medienwelt – und der mundharmonikagetriebene Akustik-Blues "Krempel", der zu mehr Toleranz zwischen den verschiedenartigsten Menschen, Denkweisen, Nationen, aufruft, runden eine Klasse Produktion ab, an der es rein musikalisch/künstlerisch/inhaltlich ganz und gar nichts auszusetzen gibt.
Einziges Manko: Die Verkoppelungsstrategie erscheint dem peniblen Chronisten Holger Stürenburg einwenig chaotisch. Eine zeitlich geordnete Tracklist hätte die kreative Entwicklung, Steigerung, Erweiterung des Klaus Lage weitaus besser, nachvollziehbarer dargestellt, als die unsortierte Mischung aus älteren und aktuelleren, kommerzielleren, wie verschrobeneren Titeln.
Davon abgesehen, stellt "Beste Lage" allerdings eine wunderbare Anthologie eines der vielseitigsten, imposantesten und profiliertesten Vertretern des traditionellen Deutschrock-Genres dar, über die sich Fans, Sammler, Zeitgeschichtler und Lage-Neueinsteiger gleichermaßen freuen können!
Gesamtnote: 1
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