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10.12.2006

PETER HOLLER
Die CD "Solo Akustisch LIVE Fabrik Hamburg" im Test von Holger Stürenburg!

Der Hamburger Musikkritiker Stürenburg hat das Album mit "2+" bewertet; das entspricht also durchaus dem Prädikat: "empfehlenswert"!

Am 25. Juli 1980 fand in der Hamburger "FABRIK" ein faszinierendes Treffen zweier deutscher Sänger statt: Der vier Jahre zuvor aus der DDR ausgebürgerte und zurück in seine Heimatstadt gezogene Querdenker und wortgewaltige Liedermacher Wolf Biermann und der Hamburger Rocksänger PETER HOLLER, einer der ausdrucksvollsten Dichter, den die einheimische Rockmusikkultur hervorgebracht hat, gaben gemeinsam ein Konzert. Jeder spielte ein Set. Beide Sänger traten mit akustischer Gitarre auf, bei Holler kam die Mundharmonika hinzu, die an nahezu jeder textfreien Stelle die Melodie übernahm.

Bereits 1973 hatte Holler seinen ersten Auftritt in dem damals gerade eröffneten schummrigen Altonaer Kult-Club absolviert. In den siebziger Jahren erschien auch sein LP-Debüt "Peter Holler" bei TelDec (Eastwest), das digital remastert kürzlich als CD neuaufgelegt wurde. Nach und nach entwickelte sich der in HH-Eimsbüttel lebende Künstler seitdem zu einem der angesehensten Rock’n’Roller der Hansestadt, der heutzutage in ganz Europa auf Fans zählen kann.

Hollers Set in der Fabrik wurde von seinem damaligen Bassisten Tom Garn ("Bauer, Garn & Dyke", "Hamburg City Rockband") mit einer Revox-Maschine aufgenommen. 26 Jahre später digitalisierte nun der NDR den Tonbandmitschnitt, und Meisterproduzent Udo Arndt (Rio Reiser, "Spliff", Alan Woerner, "Nena" etc.), langjähriger Freund des Hamburger Sängers, masterte die Aufnahme, die jetzt im Dezember 2006 als CD zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

"Solo Akustisch LIVE Fabrik Hamburg" erscheint auf dem hanseatischen Label MackieMesserMusik und überrascht vor allem durch eine sehr intime Atmosphäre. Die nicht immer perfekte Aufnahmequalität verleiht Hollers elektrisierendem Solo-Gig etwas überaus Sympathisches, Persönliches, so daß den Hörer nahezu durchwegs das Gefühl beschleicht, das Dargebotene fände direkt vor ihm auf der Bühne statt.

Einige der vorgetragenen Songs waren bereits im Bandarrangement auf der CD "Peter Holler" zu finden; weitere kamen auf Hollers 1983er-Produktion "Ballade für Frenchi" zum Zuge. Der "Penthouse Blues", wie auch der romantische Song "Kuß am Zirkuszelt" sind exklusiv und ausschließlich auf "Solo Akustisch LIVE" zu haben.

Während Holler auf Studioalben mit seiner Band stets auf sehr E-Gitarrenbetonte, rockartige Arrangements seiner lyrisch feinsinnigen Kleinode setzt, zeigen sich die Lieder auf vorliegendem Live-Album in purer, akustischer Gestalt radikal entschlackt und aufs Wesentliche reduziert, beinahe – im positivsten Sinne – skelettiert. Ein gutes Lied braucht eben kein umfangreiches Arrangement, um zu bestehen. Das ist seit den griechischen Rhapsoden so - und Holler schien es mit diesem Auftritt einmal mehr beweisen zu wollen.

Folkorientierte Balladenklänge, tiefschwarze Klagegesänge, traditionelle Moritaten dienen als Stilmittel, denen Holler auf seiner aktuellen Silberscheibe huldigt. Nur zweimal bricht der dralle Rock’n’Roller in ihm durch: Einmal im bluesigen "Häuserhai", jener einem Immobilienspekulanten zugedachte Protestsong, der 1983 auf "Ballade für Frenchi" zum rasenden, dröhnenden Punkrock avancierte, und zum anderen in "Eine wahre Antwort", einem schnellen, treibenden Rockhymnus, der sich inhaltlich mit ungemütlichen Gegebenheiten im internationalen Musikbusiness auseinandersetzt.

Die anderen Beiträge auf "Solo Akustisch Live" verbleiben dagegen im filigranen, stillen, oft geradezu Dylanesken Folkbereich. Der klirrend kalte Talking Blues "Frieren" zeichnet ein enorm düsteres Bild der ausgehenden 70er Jahre, zwischen Radikalenerlaß, sozialer Vereinsamung, Drogenkonsum und Revolte gegen jede Art von wiedererwachenden deutschnationalen Gefühlen. Der hier langsam im 6/8-Takt vorgetragene Song "Tarnaktion Skorpion" beschreibt, wie Holler in seiner Ansage betont, den "Weg nach Stuttgart-Stammheim und zurück". Das melancholische Klagelied "Deutschland im Herbst" wird wohl von Rainer Werner Fassbinders damals veröffentlichtem gleichnamigen Film inspiriert gewesen sein und erschien in variierter Form später gleichfalls auf Hollers CD "Ballade für Frenchi" unter dem Titel "Herbstsong".

Textliche Dichte, phantastische Formulierungen, eine unbestimmbar traumsichere, wie auch kritische Grundhaltung, im Rahmen derer Rage und Courage, Hoffnungslosigkeit und Aufbegehren, Veränderungswille und Erwartungshaltung, Zerstörung und Neuerschaffung immens nah beieinanderstehen, machen dieses Live-Album zu einer in Liedern geschilderten Reise durch das Lebensgefühl der siebziger Jahre – sympathisch, ein wenig schüchtern, aber ein ums andere Mal voller Überzeugungskraft wie innerer Überzeugung vorgetragen, von einem längst zur lebenden Legende gewordenen Sänger, über den sein Freund Wolf Biermann schon damals sagte: "Das Beste von ihm sind seine Texte!". Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.

Peter Hollers "Solo Akustisch LIVE Fabrik Hamburg" ist ein Album zum Zuhören, zum Mitfühlen, zur aufregenden Rekapitulation dessen, wie es um 1980 hier in diesem, unserem Lande so aussah!

Gesamtnote: 2plus

(Erhältlich übers Internet bei www.peterholler.de und in ausgewählten Läden. In Hamburg bei "Michelle Records", "Saturn" sowie bei "Musik Von Hier" im Karostar)


 

Quelle: Holger Stürenburg, 05./06. Dezember 2006

 

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